Die publizierten Zahlen über misslungene Fusionen in der Wirtschaft schwanken zwischen zwei Drittel und fünf Sechstel. Wenn man sich überlegt, wie viel Geld, Zeit und andere wertvolle Ressourcen in ein Fusionsprojekt gesteckt werden, ist das eine höchst magere Ausbeute, welche diese Top-Manager und andere Hochqualifizierten erzielen. Trotzdem wird munter drauflos fusioniert. Die Motive sind vor allem erwartete Synergieeffekte, Kosteneinsparungen und Machtgewinn für die Manager. Dieselben Gründe sind auch bei politischen Fusionen massgebend, hinzu kommen die Hoffnung auf Entschuldungsbeiträge des Kantons und die Möglichkeit, sich als arme Gemeinde an einer steuerkräftigen, starken Schulter anlehnen zu können. Ein Fusionsgrund ist auch, dass vor allem kantonale Politiker (Regierungs- und Kantonsräte) und die Beamten gerne mit übersichtlichen Strukturen arbeiten.
 
Wie in der Wirtschaft die Manager überschätzen sich auch Politiker, vor allem solche, die selber im Zentrum der Fusion stehen oder stehen wollen. Ihr Tunnelblick auf die Fusion wird noch gestärkt durch Berater, für die Gemeindezusammenschlüsse ein wichtiges Geschäftsfeld und damit Quelle des Profits sind. Dass aus diesem fusionszentrierten Gemeindebild das Positive zu optimistisch gesehen und die Risiken und Gefahren zu gering eingeschätzt werden, ist darum völlig normal.
 
Wichtige Gründe für das Scheitern von Gemeindezusammenschlüssen sind oft wie in der Wirtschaft das Ausbleiben von erhofften Synergiegewinnen, mangelnde Berücksichtigung von „weichen“ Faktoren oder dass einzelne Unternehmensteile, hier Ortschaften, nicht zusammenwachsen (wollen). Gerade Gemeinden können alte Strukturen nicht einfach abbauen (z.B. Gemeindehäuser), dennoch muss aber schon eine neue Struktur (z.B. Verwaltungszentrum) teuer aufgebaut werden. Abgeleitet aus den publizierten Zahlen für die Wirtschaft darf die Wahrscheinlichkeit, dass der Gemeindezusammenschluss von Gommiswald-Ernetschwil-Rieden finanziell (wenn die Fusionsmillionen vom Kanton aufgebraucht sind) und kulturell scheitert, auf 65 bis 85 Prozent geschätzt werden. Die Fusion unserer drei Gemeinden wird von der Projektleitung mit einer Heirat verglichen. Würden Sie bei diesem Risiko des Scheiterns eine Heirat eingehen – und erst noch eine, die keine Scheidung mehr erlaubt?
 
Es wird oft behauptet, für eine kleine Gemeinde wie Rieden gebe es keine Alternativen. Nun, ich sehe alternativ zur Vereinigung die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden in Zweckgemeinschaften vor allem im Bereich der Schule und bestimmten Ämtern, d.h. bezüglich Leistungen, die auch wirklich einen Grössenvorteil besitzen. Eine kleine Gemeinde ist nicht generell zu klein, sondern nur für bestimmte, ihr vom Kanton auferlegte Aufgaben. Aus diesen Gründen gleich unsere Vorteile über Bord werfen, die Eigenständigkeit aufzugeben und zu fusionieren erscheint mir übertrieben.  Aber eine Fusion ist eben spannender und die Aussicht auf eine Tätigkeit in einem Verwaltungszentrum erhebender als die tägliche Mühsal im kleinen Gemeindehaus. 
 

Rolf Rüegg
Rieden SG