Meine ersten Berufsjahre verbrachte ich in Afrika. Zum 1. August 1954 – ich war zu diesem Zeitpunkt an der Goldküste (heute Ghana) tätig – schrieb der damalige schweizerische Bundespräsident, Rodolphe Rubattel, einen Brief an jeden Auslandschweizer. Einige seiner Gedanken passen sehr gut zur geplanten Fusion der Gemeinden Eschenbach, Goldingen und St. Gallenkappel. Hier ein Auszug:
«Während anderorts überall das Unterschiedliche dem Einheitlichen weichen muss, wiederholt sich bei uns ständig das Wunder, dass der Staat seine Hauptsorge darin erblickt, die Eigenart seiner einzelnen Glieder zu vertiefen, liegt doch darin die Quelle seines Vertrauens und seiner Stärke. Irgendwo auf der Welt lebt und wirkt ein kleines Volk, dem Ihr angehört und das den Sinn seiner Herkunft bewahrt und sich bemüht, ihm treu zu bleiben. Die internationalen Beziehungen können eine weitere Ausdehnung erfahren, Bern mag seinen Einfluss noch verstärken. Das spielt alles keine grosse Rolle.
Der Sinn für die Autonomie bleibt lebendig, allgegenwärtig und tief verwurzelt, gleichgültig, in welcher Form er seinen Ausdruck findet. Das Volk ist sich bewusst, dass es den Grundstein des Ganzen bildet. Meine lieben Landsleute in der Ferne! Wir sind wie die andern den Anforderungen des modernen Lebens unterworfen, achten wir darauf, ihm nicht mehr zu opfern als unumgänglich notwendig ist. Darin liegt unser Vorrecht und unser Schutz.»
Sind diese Worte aus dem Jahre 1954 nicht verblüffend aktuell? Uns Gegnern der Fusion wird vorgeworfen, wir entschieden zu emotional, statt die mit Zahlen unterlegten Vorteile zu akzeptieren. Zugegeben, Gefühle kann man schlecht in Zahlen ausdrücken, und nur wenige unserer Argumente kann man statistisch belegen. Aber sehen wir nicht täglich in unseren Zeitungen, wie herrlich weit wir gekommen sind mit dem Wettlauf nach Rendite usw., bei dem Gefühle nur eine lästige Randerscheinung sind?
In einem Zeitungsinterview meint Benjamin Paganin, Präsident der CVP Ortspartei St. Gallenkappel, dass Goldingen und St. Gallenkappel einen grossen Bruder (Eschenbach) brauchen. Diesen Gedanken finde ich, gelinde gesagt, reichlich absurd oder sogar überheblich. Goldinger und Chappeler sind selbständig genug, ohne dass ein grosser Bruder sie am Händchen führen muss. Unsere Familie lebt seit gut 40 Jahren in St. Gallenkappel. Wenn ich noch so angestrengt nachdenke, fällt mir einfach nichts ein, das ich während all der Zeit vermisst hätte. Die Gemeinde ist seither sehr viel grösser geworden, aber zur Anhebung meines Wohlbefindens hat dieses Wachstum eigentlich nicht wirklich beigetragen. Schön ist, dass Benjamin Paganin, indirekt auch gleich bekannt gibt, wer nach einer Fusion das Sagen haben wird.
Max Knecht
St. Gallenkappel